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Überfluss - oder Fülle? Dem Mangel auf den Pelz geschaut...


Meine Kleiderschrank ist aufgeräumt, die Speisekammer gut sortiert. An dem Kleiderhaken an der Tür hängen Taschen, die Esssachen stehen in Boxen verstaut, so dass das Chaos bunter Tüten nicht so auffällt. Die Bettwäsche liegt mehr oder weniger ordentlich gestapelt aufeinander, nur an den Spannbettlaken scheitere ich regelmäßig. Ich habe gehört, dass es Leute geben soll, die es schaffen, Spannbettlaken mit 140 auf 220 ordentlich zu falten. Es gibt auch Leute, die diese Dinger rollen - und dann so in den Schrank legen, dass es ordentlich aussieht. Ich habe schon T-Shirts gerollt und es sah gar nicht mal so schlecht aus. Als ich die dann aus dem Wanderrucksack wieder rausgenommen habe, war es allerdings meist vorbei mit der Schönheit. Merke: wenn man seine Sachen einrollt, passen viel mehr davon in den Rucksack und sie bleiben sogar vergleichsweise glatt. Wobei ich natürlich nicht von Nahrungsmitteln rede. Als ich meine Sohn erklärte, dass man am besten alles rollt, was man in einen Wanderrucksack steckt, sah er mich grinsend an und fragte: auch die Bananen?


Also, auch mein Bettwäscheregal ist aufgeräumt, ebenso wie die Handtücher im Bad, es sei denn, der Hund mal malwieder seinen Ball darin versteckt. Aber dann ist der aufgeräumte Zustand sehr schnell wieder hergestellt. Und ja, ich habe viel Zeug inzwischen angesammelt. Ein absoluter Zustand der Fülle! Überfluss! Typischer Mittelstandshaushalt in Deutschland. Welche ein Überfluss ... *resigniertes Seufzen* Ich habe mehr Handtücher als ich brauche, auch mehr als mein dreiköpfiger Alleinerziehendenhaushalt mit Hund und inklusive Pupertier braucht (Teenager, weiblich, brauchen gelegentlich erstaunlich viele Handtücher. Oder auch mal phasenweise gar keine. Es überrascht mich immer wieder ...). Ich habe so viel Bettwäsche, dass auch Gäste bei uns immer ein frischbezogenes Bettzeug bekommen. Natürlich. Es ist diese fatale Fülle, dieser Überfluss des Mittelstandes in der westlichen Welt. Ansammlung von Zeug. Als Zeichen des Wohlstands?


Ich bin insgesamt sehr sehr dankbar dafür, genug Geld zu verdienen um auch Platz für das ganze Zeug zu habe und genügend Sicherheit, um immer malwieder auszumisten. Ein bisschen Scham schwingt mit. Fülle. Trotzdem schaue ich manchmal ein bisschen wehmütig auf Leute, die einfach mit dem Camper die Welt bereisen und so wenig Ballast mitschleppen. Ist es also Fülle? Oder einfach nur viel?


Ich mache gerade ein Coaching bei der lieben Steffi Zährl, denn auch jemand der schon lange erwachsen ist, fett im Beruf steht und alles wuppt braucht manchmal einen Rat. Denn ich steh mir im Weg. Bei manchen Sachen ist es mir total klar, warum ich da rumstehe -- ich schaffe es nur nicht oder nicht jedes Mal, mir selbst aus dem Weg zu gehen. Bei anderen Sachen war es mir bis vor kurzem absolut gar nicht klar -- was der Anlass für diesen Blog ist. Denn ich musste erkennen, dass die Menge Zeug, die ich ansammle, kein Zeichen von Fülle ist, sondern von Mangel! Und ja, ich komme mir ein bisschen anmaßend vor, diese Menge an Besitztum jetzt mal eben kurz in einem Satz als Mangel zu deklarieren. Aber ich erkläre gleich warum.


Zunächst mal ist die Frage relevant, was überhaupt Mangel ist. Mangel gilt gemeinhin als das Fehlen von etwas, beispielsweise das Fehlen von Gegenständen, das Fehlen von Geld oder auch das Fehlen an Zuwendung, ganz grundlegend das Fehlen an Nahrung, Unterkunft, oder auch Gesundheit. Das Mangelfeld ist groß und hat Platz für alles, was das Leben auf unserem Planeten ausmacht -- wenn es eben nur fehlt. Wie groß der Mangel ist, hängt wiederum davon ab, wie viel man als lebensnotwendig oder wertvoll erachtet. Hier ist der Mangel an Nahrung und Gesundheit sicherlich der gravierendste, gefolgt von dem Mangel an (menschlicher) Nähe. Der Mangel an Dingen ist in der Regel recht gut zu verkraften, aber nur dann, wenn diese Dinge nicht als lebensnotwendig oder sinnstiftend angesehen werden. Warum wären sonst Mönche und Nonnen eher allgemein friedlich? (Dabei fällt mir ein -- ich kenne keine Mönche oder Nonnen. Sind sie das überhaupt?) Wieviel Besitz dann als notwendig erachtet wird, um kein Mangelgefühl zu haben, ist sehr sehr unterschiedlich. Das große Fass möchte ich gar nicht aufmachen. Und auch das Thema Mangel ist noch lange nicht zuende diskutiert. Darauf werde ich in einem an deren Blog zurückkommen. :)


So, und was ist jetzt das Gegenteil von Mangel? In der eher esoterisch angehauchten Community ist es die Fülle. Wobei gemeinhin hiermit nicht die Leibesfülle gemeint ist, und eigentlich die Assoziation zu dem Wort etwas anderes sagt, als das, wie es derzeit landläufig noch verwendet wird. Eigentlich ist Fülle im aktuellen Sprachgebrauch eher der Überfluss. In der eso Community ist es aber mehr: es ist ein Zustand der Zufriedenheit mit den Dingen, die man hat. Es ist nicht das Gefühl des Überflusses - der ja tatsächlich vom Wortkonstrukt her schon "überfließen" darin hat, nämlich im Sinne von "zu viel sein". Überfließen bedeutet bildlich: etwas fließt heraus, es kann also nicht mehr gehalten werden. Es ist ZU viel. Fülle ist also gefühlt nicht Überfluss. Fülle hat im Sinne der Bedeutungsverschiebung eher damit zu tun, den Reichtum in allen Dingen zu erkennen. Dies können Dinge des Lebens und der Natur sein, es können aber auch Besitztümer sein. Der neue Wortgebrauch unterscheidet da nicht. Worin er allerdings unterscheidet, ist das Gefühl, das FÜlle auslöst. Fülle ist nicht etwa ein "zu viel" vom etwas, sondern Fülle ist ähnlich zu "erfüllt sein", den Raum halten können mit allen "Dingen" und Gefühlen, die sich darin befinden.


Damit sei eine kurze Begriffsabgrenzung abgeschlossen. Kommen wir zurück zu dem Mangel, den ich in all meinem Überfluss festgestellt habe. Denn, hei, mehr Bettwäsche zu besitzen als man braucht, ist Überfluss. Lebensmittel wegschmeissen, weil sie abgelaufen sind und niemand sie essen WOLLTE ist Überfluss. Und ich besitze auch einen Schrank zum Kühlen von Lebensmitteln! Dabei ist es in dem Teil Deutschlands, in dem ich wohne, selten so heiß, dass in einem veganen Haushalt etwas verderben kann. Überfluss. Wie also kommt es, dass ich im Mangel lebe? In all dem Überfluss?


Der Augenöffner dazu war etwas, was Steffi in ihrem Buch "Wie ich mit meiner Geburtstagsparty aus versehen zur Marke wurde" (sehr empfehlenswert!) beschrieben hat. Darin zitierte sie eine japanische Frau, die sich damit einen Namen gemacht hat, alles aufzuräumen. Ihr Name ist Marie Kondo und diese wiederum hat das Buch geschrieben "The Life Chaging Magic of Tidying Up". Jetzt war bei mir aber ja alles aufgeräumt, im Rahmen meiner Möglichkeiten und durchaus zu meiner allgemeinen Zufriedenheit, denn wenn ich Menschen coache und berate, frage ich gerne mal: wie sieht dein Keller aus? Deine Garage? Der Gartenschuppen? Wo sind deine versteckten Müllecken? Wann hast du zum letzten Mal deinen Kleiderschrank aufgeräumt? Kannst du alte Sachen loslassen?


Ah, und da sind wir an einem sehr wichtigen Punkt: das Loslassen. Denn alte Sachen muss man auch loslassen können. Muss man? Muss man gar nicht, aber Marie Kondo hat ein essentielles Argument gebracht, das mir - durch das Buch von Steffi - die Augen geöffnet hat: "does it sparkle with joy?" Freiübersetzt: ist es so großartig, dass es dich mit Freude erfüllt?


An dieser Stelle nähern wir uns des Doodels Kern (frei nach Goethe). Als ich mich in meinem überflüssig gefüllten Bettwäschelager umschaute, stellte ich fest: alles, was dort lag, fand ich ungemein frustierend. Die bunte Kinderbettwäsche, die niemand mehr benutzen mag, die Laken, die total verfärbt sind, Bettwäsche, die völlig verfärbt war, die ich mir aber von meinem ersten Geld als Studentin gekauft hatte (sie erfüllte mich damals wirklich mit Stolz und Freude!). Alte Bettwäsche von meiner Mutter, die sie aussortiert hatte, damit ich ... ist klar geworden, oder? Apropos Studium. Ich habe tatsächlich immernoch meine Handtücher aus dem Studium. Und das ist *hüstel* ein paar Jährchen her. Ich schneide immer mal die Ränder sauber, denn die fransen inzwischen aus. Und alte Handtücher meiner Oma. So pastellbunte, mit Fransen unten dran. Hässlich. Nichtmal nostalgisch, einfach nur hässlich. Aber sind ja noch gut! Kann man ja noch benutzen. Vielleicht mal zum Putzen? Die alten Handtücher zum Putzen liegen ja bekannter Weise in der Nähe der T-Shirts, die man ja noch zum Sport anziehen kann. Oder ist das bei dir anders?


Die letzten beiden Sätze hallten zynisch in meinem Ohr wieder und ich hörte aufeinmal meine Mutter und meine Oma. Ist ja noch gut! Kann man ja noch benutzen! Mit "sparkle with joy" hat das wirklich überhaupt gar nichts zu tun!

Jetzt mal Hand aufs Herz: wieviele Dinge besitzt du, weil man das eben so macht? Wie viele Sachen trägst du oder bewahrst sie auf, weil die ja noch gut sind? Obwohl du eigentlich genügend Geld hast, um etwas schönes Neues zu kaufen, was dir besser gefällt? Achtung, dies hier ist kein Manifest für den Kapitalismus und ich finde es sehr angenehm, Geld nicht unnütz zu verschleudern. Aber wann ist das liebe Geld unnütz verschleudert? Wenn ich drei T-Shirts im Angebot kaufe, die ich solala finde, oder wenn ich das eine kaufe, das zwar teurer ist, aber mich dafür erfreut? Oder Sachen recycle? Und dann mich wirklich beschränke (also den Schrank leer halte) mit den Sachen, die mich wirklich WIRKLICH erfreuen?


Als Resultat dieser Überlegung zog ich eine ernüchternde Bilanz. Säckweise Bettwäsche in die Altkleidersammlung getragen - und mich dabei diebisch gefreut, dass ich nie wieder in Cars-Bettwäsche schlafen muss, nur weil die ja noch nicht kaputt ist und daher weiter benutzt werden soll, obwohl mein Sohn mir mit ernstem Gesicht erklärt hat, dass ER darin gewiss nicht mehr schlafen würde. Und weil sie ja noch gut ist, darf sie jetzt weiterziehen und vielleicht freut sich ja jemand, der keine neue kaufen kann, über eine völlig intakte, die eben schon gebraucht war.


Den kleinen Clash im Kopf, den ich wegen der Kapitalismusgeschichte habe, den diskutiere ich mal in einem anderen Beitrag. :)


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