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  • alkemartens

Auch ein Anti-Trend ist ein Trend


Ich schaue meine Tochter an und denke: SO wäre ich niemals losgezogen.


Aber moment, ist das wirklich mein Gedanke?

Gruseliger Weise höre ich da direkt die Stimme meiner Mutter in meinem Kopf -- gruselig, weil sie zwar noch lebt (ich habe inzwischen eine gewisse Routine darin, mit verstorbenen Vorfahren zu reden, aber dies hier ist definitiv anders!), und sie definitiv nicht in meiner Wohnung oder sonstwie in Hörweite ist. Kurz zögere ich, ob ich zum Sprachrohr meiner Mutter werde, öffne den Mund und schließe ihn wieder.


Aber in meinem Kopf läuft ein Film. Meine Mutter ist die Hauptdarstellerin, ich die Nebendarstellerin. 'Sooooo willst du rausgehen?', tönt es, die Mundwinkel etwas abfällig nach unten gezogen und die Lippen zusammengekniffen. 'Na, du wirst ja sehen.' Abfälliges Kopfschütteln und demonstratives Abwenden. Dann im Weggehen: 'Wundere dich aber nicht, wenn du blöde Kommentare bekommst oder angebaggert wirst!' Aus der Ferne tönt dann noch hinterher (so laut, dass ich es eben gerade noch hören kann): 'Wollen wir hoffen, dass das nicht gefährlich ist.'


Kleiner Spoiler dabei: bei mir ging es damals um einen Bustierträger und schulterfrei, ein Loch am Knie, sowie pinkfarbenen Lippenstift, denn ich war in den 1980er Jahren Teenager. Da gab es andere Maßstäbe. Ich hatte auch grünen Lippenstift. Dann ging es im Vortrag meiner Mutter (übrigens ungefragt!) darum, dass es ja wohl lächerlich aussähe. Leider hat sie mir das Lied mit den Nachbarn ('Was sollen denn die Nachbarn denken?') erspart, denn das hätte ich als Anlass zum Revoluzzertum genommen. Was die Nachbarn dachten, war mir egal. Was meine Eltern dachten, aber gar nicht.


Nachdem der Film so in meinem Kopf durchgelaufen ist, und ich zwei Mal tief durchgeatmet habe um meine Mitte wiederzufinden, erkläre ich meiner Mutter in Gedanken, dass sie sich hier und jetzt herauszuhalten hat.


Dafür läuft jetzt das zweite Szenario in meinem Kopf. Dieses zweite Szenario ist tatsächlich diskriminierend und sehr vorurteilsbelastet. Das Szenario ist: wenn meine sehr hübsche Tochter mit diesem Styling auf die Straße geht, wird sie Erfahrungen mit Männern machen, die unerfreulich sind und die ich ihr ersparen möchte. An diesem Szenario kann ich leider nicht meine Mutter Schuld haben lassen, denn dann wäre die Rechnung: meine Mutter ist böse, die Welt ist gut. So ist es aber nicht. Meine Mutter ist Frau, und auch mit ihren 80 Jahren immernoch eine selbstbewusste und modebewusste Frau. Und sie hat ihre Lebenserfahrung, die sich aus der Zeit ihres Aufwachsens geprägt hat und zwar bis heute, denn sie ist immernoch am Aufwachsen (wächst man eigentlich auf bis zum Tod oder bis man "erwachsen" ist?) Entsprechend kann festgehalten werden: meine Mutter ist meine Mutter und die Welt ist die Welt. Isso.


Schauen wir also nochmal auf den Anfang. Was ist dieses 'so wäre ich niemals losgezogen'?

Ich war als Teenager in der Regel ungeschminkt, hatte manchmal einen Strich Kajal unter den Augen. Ich trug seltsame Klamotten -- es waren die 1980er Jahre. Fünfzehn war ich 1985. Das ist gefühlt wirklich lange her, aber wenn ich Bilder von damals ansehe, muss ich feststellen, dass ich in erster Linie damit beschäftigt war, mich selbst zu verstecken -- in möglichst großen Klamotten. Mein bevorzugtest Styling waren sehr enge Jeans (und ja, die musste man manchmal im Liegen anziehen) und darüber sehr große Sweatshirts. Mindestens bis Mitte der Oberschenkel (manchmal mit einem breiten Ausschnitt, so dass man die Träger des Bustiers sah, siehe oben). Und Turnschuhstiefel. Ihr wisst ja, die mit den drei Streifen. Vermutlich sah ich aus wie eine falsch proportionierte Playmobilfigur -- eher so ohne weibliche Formen und das war Absicht. Dahinter verbarg sich eine tiefe Verachtung der weiblichen Figur. Ich wollte alles, aber nicht weiblich aussehen. Das ist aber ein anderes Thema. Und ich hatte immer, wenn ich aus meinem Muster ausstieg, die Stimme meiner Mutter im Ohr. Siehe oben. Es war mein Normal und ich habe es nicht hinterfragt. Da ich dann einen Beruf ergriff, wo es keine Kleidungsvorschrift gibt, hatte ich auch nicht die Chance, mich hinter Berufskleidung zu verstecken. Wenn ich morgens malwieder vor meinem Kleiderschrank stehe und verzweifelt überlege, ob ich die schwarze Jeans mit dem schwarzen Pullover oder die blaue Jeans mit dem schwarzen Pullover anziehe, dann wünsche ich mir die schön androgyne Verkleidung des Talar zurück. Nein, ich hätte keine Lust, das Ding wirklich zu tragen. Aber trotzdem -- eine Berufskleidung kann Stylingmuffeln das Leben erleichtern und erspart einem den Anblick fehlender Hemdknöpfe bei übergewichtigen männlichen Kollegen. Scherz beiseite.


Da ich in einer männerdominierten Arbeitswelt unterwegs bin, wohlgemerkt in einer, die sich in der Regel gar nicht darum kümmert, was man trägt, solange man genug trägt um nicht aufzufallen, habe ich mich mit dem Thema "gut angezogen" nie ernsthaft auseinandergesetzt. Ich trage bis heute: Jeans und Sweatshirt. Manchmal mehr und manchmal weniger voluminös. Ist ja auch nicht schlimm -- ist eben mein Normal. Kleidung um angezogen zu sein. Oder vielleicht sogar, um nicht aufzufallen? Das ist ein interessantes Moment, das ich gleich nochmal adressieren werde. Immerhin schafft meine Tochter genau das, was eine Tochter bei ihrer Mutter schaffen sollte: sie macht mich nachdenklich!


Was ist das Normal meiner Tochter? Das aktuelle Normal ist, sich mehrere Schichten von Dingen ins Gesicht zu schmieren, oder besser gesagt: sie aufzutragen und zu verblenden. Nachdem man die Unterlage aufbereitet hat (die sogenannte Haut) malt man sich ein Gesicht auf -- so, wie es einem gefällt. Es gibt dann die Möglichkeit, die Augenbrauen so zu malen, wie sie aussehen sollen -- schmal oder breit, dick oder dünn, bis ins optisch perfekte Ende oder kurz davor. Ich habe schon wirklich gestaunt, was da so alles möglich ist. Auch die Farbgebung wird der aktuellen Tagesform angepasst und auch das Näschen wird designed und ist am Ende nicht mehr als die Nase meiner Tochter zu erkennen, sondern eben ein stupsiges gehighlightetes Ding, was man in dieser Form hundertfach im Internet in den Social Media findet. Warum klingt das jetzt abfällig? Das ist diskriminierend und nicht angemessen. Also, diskriminierungsfreie Variante: sie schminkt sich. Sehr weiblich. Auch sehr schön, nur anders als ich. Na und?


Ach ja, moment. Wie war das weiter oben im Text? Ich habe mich in meiner Kleidung versteckt, weil ich nicht als Frau gesehen werden wollte. Und was genau macht da meine Tochter? Wie kommen dem Hintergrund näher: aktuell leben wir in einer Zeit, die derartig stark von Social Media geprägt ist, dass man / frau / mensch mehr auffällt, wenn KEINE Schminke im Gesicht ist, als wenn man sich gesellschaftskonform schminkt! Die Terminmanagerin des Kieferorthopäden sagte neulich zu mir: "Schade, Ihre Tochter war so hübsch als sie ungeschminkt war, jetzt sieht sie so aus wie alle anderen auch."

Sollte es tatsächlich so sein, dass man sich stylt um eben NICHT aufzufallen?


Dann macht meine Tochter am Ende genau das gleiche, wie ich. Sie sucht sich ihre Nische, schaut nach den Regeln, passt sich an und fällt dann nicht weiter auf. Heidi Klum würde empört fragen: "Aber wo ist denn jetzt deine Personality?" Sorry, Heidi. Die kommt später wieder raus. So, wie bei uns beiden auch - wir sind nämlich fast in einem Alter. Die Individualität kommt genau dann wieder raus, wenn mein Kind sich selbst entdeckt hat und dann eine Entscheidung trifft, die lautet: bin ich jemand, der sich nach den Trends ausrichtet oder nicht?


Auch ein Anti-Trend ist ein Trend.


PS1: In den bunten 1080ern war ich im Antitrend. Und heute bin ich ... irgendwo dazwischen.

PS2: Ach so, das nennt man Wechseljahre!!!

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