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  • alkemartens

Ausruhen!!!


Ausruhe ist keine Belohnung, es ist eine Notwendigkeit!

Eine kleine Selbstreflexion...


Mal ehrlich: wann hast du dich zum letzten mal so richtig ausgeruht? Im Urlaub? Oder brauchst du da auch erst mindestens eine Woche, um "runterzukommen"? Nach der Arbeit - aber nur mit einem Bierchen oder Weinchen, einem Film oder XYZ (setz hier gerne ein, was du brauchst). Aber bist du dann wirklich ausgeruht?


Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Das impliziert, dass Arbeit kein Vergnügen ist. Und, dass Arbeit immer zuerst kommt. Als jemand, der in einem Beruf tätig ist, der niemals wirklich Feierabendgefühl aufkommen lässt und der aber im Sinne von Arbeiten oft ein großes Vergnügen ist, ist diese Einstellung irritierend und führ dazu, dass eigentlich niemals Ausruhen auftritt. Meine Sekretärin sagte neulich zu mir: Professoren arbeiten sogar noch, wenn sie aufs Klo gehen. Ja, ich gebe zu, die besten Ideen kommen oft am Stillen Örtchen, wenn nicht gerade dort auch sämtliche Kinder und Haustiere erkannt haben, dass ich da zu finden bin und mich dort "cornern". Besser als das Klo funktioniert allerdings tatsächlich die Dusche. Im sanften Rauschen des warmen Wassers verfalle ich eine fast meditative Grundstimmung, vergesse Wasserkosten und ökologische Grundeinstellung und gebe mich dem sanften Blubbern meiner Gedanken hin. Die dann natürlich, um bei der Wassermethapher zu bleiben, quasi sprudeln. Manchmal dann allerdings auch im Ausguss verschwinden. Man sollte wirlich ein Mikro im Duschkopf einbauen, damit man auch dort immer wieder eine Memo einstellen kann. A propos Memo... ich brauche dringend eine KI (Künstliche Intelligenz), die meine Memo App nach sinnvollen Beiträgen durchforstet und diese dann direkt in tiefsinnige klicksbringende Instagramposts umwandelt. Bittedanke.


So, nachdem ich jetzt darüber reflektiert habe, dass ich quasigewissermaßen nie Freizeit habe, komme ich natürlich an den schmerzhaften Punkt, warum ich diese Erklärung meiner Ausgelastetheit tatsächlich brauche. Der Prof oder die Profin arbeitet immer. Sogar auf dem Klo oder in der Dusche. Ist klar geworden. Was passiert aber, wenn ich nicht arbeite?


Dann gehe ich mit dem Hund. Das kann entspannend sein, ist es aber nicht immer. Und meist hat es eher was mit Sport als mit Ausruhen zu tun. Ich unterscheide drei Arten der Hundegänge: Entspannt ist der morgendliche Strandgang, bei dem mein Felltier und ich gemeinsam die Sonne begrüßen und es genießen, dass noch niemand draußen ist. Weil es so unentspannt früh ist. Aber das ist ein anderes Thema. Weniger entspannt sind die Spaziergänge, die ich mit meiner Mutter mache (die Geschwindigkeit zwischen meiner Mutter und meinem Hund sind doch deutlich divergent), oder die Spaziergänge, die passieren, wenn da draußen etwas interessantes riecht. Wie eine läufige Hündin. Mein unkastrierter Rüde verwandelt sich dann in eine Art Staubsauger mit Porschemotor und defekter Sprachsteuerung. DAS ist nicht entspannend, gar nicht. Und dann haben wir noch die "Der Hund muss mal Pinkeln" Spaziergänge, bei denen ich den Moment draußen versuche zu genießen, aber eigentlich zugegebenerweise nicht so ganz bei der Sache bin. Weil ich zum Beispiel telefoniere, ein Problem von der rechten in die linke Gehirnhälfte wälze oder weil es morgens um 5 ist und die Kinder in die Schule müssen. Da versuche ich beim Spaziergang noch eine halbe Stunde Schlaf (sogenannter Laufschlaf) einzubauen.

Also fassen wir zusammen: Hundegänge sind in 70 Prozent der Fälle nicht entspannend. Ausruhen tue ich mich dabei nicht. Ich arbeite nur nicht.


Alle anderen Sachen, die ich sonst so durch meinen Alltag bewege, haben auch relativ wenig mit Ausruhen zu tun. Wäsche, Geschirr, Staub, alles Dinge, die irgendwann in der Gegend rumliegen, anfangen unangehem zu riechen, und irgendwann und irgendwie durch die Wohnung bewegt werden müssen. Das dann seltsamer Weise in schönster Widerholrate ... jede Woche wieder. Auch wenn ich bei einer aufgeräumten Wohnung immer tief zufrieden bin, weil diese Aufgabe erstens schaffbar und zweitens auch ansehbar ist. Ausserdem kann ich mich dabei austoben und nebenbei noch denken -- professorale Lieblingsbeschäftigung. Ich habe schon ganze Bücher im Kopf geschrieben, während ich gestaubsaugt habe.... und das liegt nicht daran, dass meine Wohnung so groß ist. Nun muss ich allerdings zugeben, dass Aufräumen nichts mit Ausruhen zutun hat. Einkaufen auch nicht.


Ja, aber was ist denn nun Ausruhen überhaupt? Hat es vielleicht etwas mit Loslassen zu tun? Ich ahne schreckliches. Loslassen, das ist das Ding, was wir kognitiv schonmal von Geburt an gar nicht können. Festhalten ist viel einfacher und garantiert das Überleben. Und dann kommt da jemand an uns sagt, wir sollen loslassen. Schonmal gesehen, wie ein Baby verzweifelt versucht, einen Gegenstand wieder loszuwerden, den es mit der Hand geschnappt hat. Und dann ist es in der Esotherik Community das schlagende Wort: du musst loslassen. Deine Wünsche loslassen, deine Zwänge loslassen. Dabei weiß ich nochnichtmal, was ich überhaupt loslasen soll. Was soll ich denn loslassen für die Qualität des Ausruhens? Vielleicht die Arbeit? Das ist aber schwierig, denn ich bin ja Prof, und, siehe oben, die arbeiten ja bekanntlich immer. Kleines Problem.


Halten wir fest: ich kann mich nicht ausruhen. Ich schaffe es nichtmal, mir Ausruhen als Belohnung nach dem Arbeiten zuzugestehen, denn erstens arbeite ich ja immer und zweitens bin ich alleinerziehende Mama. Da hat frau eben keine Zeit zum Ausruhen.


Spätestens an dieser Stelle dämmert es mir, dass ich vielleicht, eventuell, ein kleines Problem habe. Wenn ich also meine Arbeit brauche, und meine Wichtigkeit, wenn ich meinen Alleinerziehendenstatus brauche, dann habe ich alle Elemente zusammen, um mir diese wichtige Qualität des Ausruhens nicht zu erlauben. Das ist bitter.


Das wird über kurz oder lang dazu führen, dass ich wiedereinmal ausbrenne (ja, da war ich schonmal), dass ich mir Verletzungen oder Krankheiten zuziehe. Autsch. Also beginnen wir an Platz ein und versuchen es nochmal:


Ausruhen ist keine Belohnung, sondern eine Notwendigkeit.


Was brauche ich zum Ausruhen? Ruhe vor allem. Und eine Erkenntnis: nehmen scheint leichter zu sein, als lassen. Zumindest wenn man unsere Entwicklung von Baby bis heute betrachtet. Und weil nehmen leichter ist als lassen, lass ich nicht meine Arbeit los, sondern nehme mir Momente der Ruhe, die ich dann zu Inseln des Ausruhens wachsen lasse. Und damit meine ich nicht den Hundegang. Damit meine ich eine richtig echte Pause. Auf dem Rücken liegen und in den Himmel schauen. Meditieren. Nichts machen sondern tagträumen. Und genau das werde ich jetzt tun. Und wenn ich dabei feststelle, dass es mit schwerfällt, dann mache ich es eben nach und nach. Erst kleine Inseln, dann große. Wie sieht es mit dir aus?



PS 1: Übrigens ist diese Überlegung hier etwas anderes, als das, was mit der Aussage "Get the Shit done!" gemeint ist. Hier geht es um Aufschieberitis, auch Prokrastiantion genannt. Dazu gibt es einen anderen Blogbeitrag, denn die Aufschieberitis oder Prokrastination ist keine Diagnose sondern ein Symptom. "Get the shit done" ist ein guter Ansatz, wenn man das Symptom behandelt hat. Aber eben genau dann, wenn man aktiv mit Arbeiten beschäftigt ist. Der sogenannte Shit wäre dann eher auch das Ausruhen (das ist dieser Moment im Leben, wo aus Stilmitteln auf einmal Shit und Ausruhen gleichgesetzt wird und jeder begabte Lektor die Hände über dem Kopf zusammenschlägt). "Get the shit done" meint eher, dass man sich der Maillist widmen soll -- konzentriert und in ganzer Form und nicht als Ausweichstrategie zwischen allerlei anderen Prokrastinationsbewegungen.


PS 2: Es gibt übrigens aus lustige Ansätze Pause und Arbeit zu modellieren: erst die Arbeit, dann das Vergnügen; erst ein bisschen Arbeit, dann ein bisschen Vergnügen, dann ein bisschen Arbeit; erst das Vergnügen, dann die Arbeit; Zeitmodelle die den Anteil von Arbeit Vergnügen takten. Jaja, es gibt nichts, über das man nicht auch ein Buch schreiben kann. Frag mal ChatGPT. Dem zum Trotz ist auch das hier nicht gemeint. Denn ich meine nicht Vergnügen (also das Leckerli als Belohnung... denn da wären wir ja wieder bei dem berüchtigten Feierabendbier) sondern echtes Ausruhen. Das Ausruhen, was wir brauchen, um kreative Prozesse laufen zu lassen, unser Denken zu erweitern und einfach erholt und ausgeruht richtig gutes Energiemanagement betreiben zu können.

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